Erfahrungsberichte sind Beiträge von unseren Mitgliedern und geben deren persönliche Meinung wieder.
Der Verein veröffentlicht sie, um mehr Verständnis für Autismus zu wecken und die Breite der persönlichen Erfahrungen aufzuzeigen.
ANTRAG AUF FAMILIENBEIHILFE UND ERHÖHTE FAMILIENBEIHILFE
Vor ein paar Jahren habe ich bemerkt, dass mich mein Autismus und die anderen gesundheitlichen Beschwerden immer mehr einschränken.
Ich habe mich beraten lassen und rückwirkend einen Antrag auf erhöhte Familienbeihilfe gestellt. Ein paar Wochen nach der Einreichung bekam ich eine Einladung zur ärztlichen Untersuchung. Dort stellte die Ärztin allgemeine Fragen über meinen Zustand und meine Studien- sowie Arbeitssituation.
Im Schreiben hatte es geheißen, dass ich alle relevanten Befunde in Kopie mitbringen sollte. Bei mir waren das sehr viele Unterlagen. Diese gab ich der Ärztin.
Sie warf einen Blick auf den Stapel und schob ihn dann beiseite. Ich war ziemlich verwundert und fragte mich, warum ich aufgefordert worden war, Unterlagen mitzubringen, wenn sie an diesen gar nicht interessiert ist.
Aber mein gutgläubiges Ich dachte: “Sie wird sich schon die benötigten Unterlagen irgendwann nehmen”.
Nach etwa 20 Minuten war das Gespräch bzw. die Untersuchung vorbei.
Ein paar Wochen nach der Untersuchung bekam ich eine Benachrichtigung, in der stand, dass mein Antrag auf Familienbeihilfe und erhöhte Familienbeihilfe abgelehnt wird.
Eine erneute Untersuchung, die ich beantragte, war mir wichtig, da sowohl die Untersuchung als auch das Gutachten Mängel aufwies. Auf ein paar Details möchte ich nun eingehen.
Anamnese
Wichtige Erkrankungen, die ich erwähnt hatte und/oder die in den von mir mitgebrachten Befunden angeführt waren, wurden nicht angeführt. Zum Beispiel: mein Mikroadenom an der Hypophyse. Das ist ein kleiner, gutartiger Tumor im Gehirn. Mir war vor der Untersuchung garantiert worden, dass ich keine Dokumente, die bereits bei der Behörde vorliegen, erneut nachreichen muss, und man hatte schon länger einen Befund über dieses medizinische Problem. Es handelt sich hier um eine sehr wichtige Information, da ich wegen dieser Erkrankung langfristig ein Medikament nehmen und alle paar Jahre MRTs machen lassen muss. MRT heißt Magnetresonanztomographie. Ein MRT bietet die Möglichkeit Schichtbilder vom Körper bzw. einzelnen Teilen des Körpers (z.B. dem Gehirn) aufzunehmen.
Die Ärztin kam zu der Entscheidung, dass ich mich selbst finanziell erhalten konnte. Dies begründete sie folgendermaßen:
Im Befund stand, dass ein gewisses medizinisches Problem nicht behandelt wird, obwohl genau das Gegenteil der Fall war. Wie schon erwähnt, hatte ich am Tag der Untersuchung zahlreiche Nachweise in Kopie mitgebracht. Darunter waren welche, die sehr deutlich belegen, dass ich in rheumatologischer Behandlung bin und Physiotherapie mache. Ein ausführlicher Therapieplan war auch dabei.
Als weiterer Grund für die zuvor genannte Einstufung wurde angeführt, dass ich in der Lage war, ein Studium abzuschließen. Allerdings sagt ein Studienabschluss nicht automatisch viel darüber aus, wie gut man sich im Berufsleben zurechtfinden wird. Zudem berücksichtigte die Ärztin nicht, dass ich als schwerbehinderte Person länger studiert hatte. Das hätte ich eindeutig mit meiner Studienzeitbestätigung nachweisen können, und ich hatte ja auch Befunde, die meine Schwierigkeiten sehr deutlich bestätigten.
Grund Nummer drei für die Einstufung war wortwörtlich: „Hat bereits 1x gearbeitet“. Das ist eine sehr vereinfachte Botschaft. Ich hatte der Ärztin sehr deutlich mitgeteilt, dass es sich hier um ein paar Jahre innerhalb meiner langen Studienzeit handelt, in denen ich nebenbei ein paar Stunden pro Woche gearbeitet habe (teilweise auch unregelmäßig). Einmal musste ich sogar etwa einen Monat aussetzen, weil ich von einem Medikament Nebenwirkungen hatte und mein Körper sich erst daran gewöhnen musste. Außerdem handelte es sich um ein Setting, wo meine Chefin mir klare Anweisungen geben konnte, wovon ich als Autistin sehr profitierte. Zusätzlich zeigte meine Chefin Verständnis für meine gesundheitlichen Probleme. Ich will damit um Himmels willen nicht die Leistungen kleinreden, die ich damals erbracht habe, denn diese waren sehr wohl nennenswert. Dies gilt auch für andere Lebensabschnitte, wo ich wertvolle berufliche Erfahrungen sammeln konnte. Es ist mir nur wichtig hervorzuheben, dass ich damals von einer Vollzeit-Tätigkeit in der echten Berufswelt weit entfernt war. Auch hatte ich bis zu einem gewissen Grad einen geschützten Raum.
Ich schilderte all diese Punkte der entsprechenden Stelle, die für Einstufungen in Bezug auf Behinderung zuständig ist, und forderte eine erneute Untersuchung mit einem akkuraten Befund. Zudem besprach ich meine Situation an einer anderen Stelle, wo eine Mitarbeitende mir hilfreiche Tipps für die nächste Untersuchung gab. Sie bestätigte mir, dass die Untersuchung unsauber abgelaufen war und forderte mich auf u.a. folgende wichtige Dokumente mitzubringen, die die Ärztin nicht eingefordert hatte: den Versicherungsdatenauszug und eine Stellungnahme von meiner damaligen Chefin. Ich fühlte mich gut beraten und fragte mich, warum diese sehr aussagekräftigen Dokumente nicht bei der vorigen Untersuchung eingefordert worden waren.
Bei der erneuten Untersuchung schilderte ich einer neuen Ärztin all die Mängel und reichte die Unterlagen ein. Und sie garantierte mir, dass sie diese in Ruhe durchlesen werde.
Es freut mich, euch sagen zu können, dass der Antrag auf Familienbeihilfe und erhöhte Familienbeihilfe einige Wochen später doch bewilligt wurde, und ihr könnt euch sicher vorstellen, wie erleichtert ich darüber war. Meine Sorgen waren natürlich alles andere als vorüber, aber ich fühlte mich mehr abgesichert als früher.
Während ich nach wie vor über die Bewilligung des Antrags sehr erfreut bin, schockiert es mich, wie unsauber die erste Untersuchung abgelaufen ist. Und meine Situation ist kein Einzelfall: So viele behinderte Menschen kämpfen mit Schikanen von Behörden und/oder Ärzt*innen, die Untersuchungen inkorrekt durchführen. Und das sollte nicht der Fall sein.
Ich finde es sehr schade, wenn schwerbehinderte Menschen für die Gewährung notwendiger Leistungen unnötig oft nachweisen müssen, wie schwer ihre ohnehin schon bestehende Behinderung ist und dabei jedes Mal über eine Weitergewährung bangen müssen. Es ärgert mich auch, wenn Untersuchungen für diese wichtigen Leistungen inkorrekt bzw. unsauber durchgeführt werden.
WAS ICH MIR ALS SCHWERBEHINDERTE PERSON WÜNSCHE
- Untersuchungen und Nachweise sollten nur so oft eingefordert werden, wie es hinsichtlich der Situation der behinderten Person sinnvoll ist.
- Untersuchungen sollen korrekt und vollständig durchgeführt werden.
- Es braucht einheitliche Richtlinien für die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit einer behinderten Person.
Für faire, ärztliche Begutachtungen.
Dafür steht die Petition “Meine Würde. Nicht euer Misstrauen.”
Es ist wichtig, dass sich die Bedingungen bei den Begutachtungen verändern.
Auch wir erleben immer wieder, wie herabwürdigend und vorwurfsvoll Begutachtungen sein können. Es braucht mehr Menschlichkeit!
Jetzt unterschreiben: meinewuerde.at

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