Katharina Prohászka – kurz Ina – ist 25 Jahre alt, lebt in Tirol und hat eine Ausbildung zur Pflegeassistentin mit Schwerpunkt Behindertenarbeit absolviert. Zum Zeitpunkt des Gesprächs war sie in Frühkarenz aufgrund ihrer zweiten Schwangerschaft. Davor arbeitete sie in einem Krankenhaus, wo sie im Bereich der Transplantationschirurgie für die OP-Planung zuständig war. Seit 2025 teilt sie ihre Geschichte zu chronischen Krankheiten, unsichtbaren Behinderungen sowie ihrer Sternengeburt Anfang des Jahres 2026.
Ihre Hobbys sind, wie Ina sagt, eher ungewohnt: Geschichten schreiben, Bücher über Medizin und Chemie sowie die Ahnenforschung. Wenn sie sich nicht gerade in der Ahnenforschung verliert, ist ihr Alltag zum Zeitpunkt des Gesprächs eher weniger spannend, beschreibt sie.
Ihre Autismus-Diagnose hat sie im Sommer 2026 bekommen.
Du hast 2025 geheiratet. Dein Mann hat auch eine Autismus-Diagnose. Er hat sich allerdings erst Gedanken über Autismus gemacht, als du ihn darauf angesprochen hast. Wie bist du darauf gekommen, dass er autistisch sein könnte?
Erste Vermutungen, dass er autistisch sein könnte, habe ich gehabt, als wir darüber gesprochen haben, dass er zu mir ziehen wird. Ab dem Zeitpunkt, wo immer klarer wurde, wann genau er einziehen wird, hat er begonnen, sich einen ganz genauen Überblick über meine Wohnung zu verschaffen und wollte eigentlich alles umgestalten. Ich wurde dann relativ direkt und war nicht damit einverstanden, jetzt alles neu zu gestalten, außer wir würden in eine neue Wohnung ziehen, da die Möbel zum damaligen Zeitpunkt neu waren. Dieses sehr genaue Planen, sowie sich immer wiederholende Verhaltensmuster kam mir der Verdacht, dass er autistisch sein könnte. Auch tat er sich schwer vom Elternhaus gewohnte Verhaltensmuster, die nun nicht mehr möglich waren, abzulegen und sich an eine neue Routine anzupassen – hier war es dann für mich sehr eindeutig, dass er autistisch ist.
Schon in deiner Ausbildung, bevor du deinen Partner kennengelernt hast, hast du dich mit Autismus beschäftigt. Hat sich das auf eure spätere Beziehung ausgewirkt? Wenn ja: Wie? Wie hat sich das auf euer bisheriges Partner und Eheleben ausgewirkt? Haben sich manche Herausforderungen von ihm besser für dich erklärt? Rückblickend: Hat der bei dir vorhandene Autismus auch zusätzlich dazu beigetragen?
Die Wahl meines Themas für die Abschlussarbeit und somit ein gewisses fachliches Grundwissen haben sich auf jeden Fall positiv auf meine Partnerschaft ausgewirkt. Gerade als es um die Diagnostik ging, konnte ich ihm Unterstützung bieten, da ich wusste, welche Anlaufstellen es bei uns gibt und wo man halbwegs schnell zu einem Termin kommen kann. Aber ich wusste auch nicht alles über Autismus. Kurz nach seiner Diagnose fiel mein Partner in ein autistisches Burnout, was wir beide nicht so wirklich erkannten, und war in Folge dessen auch für längere Zeit krankgemeldet. Das Verfallen in das autistische Burnout war vor allem dadurch bedingt, dass er sich ein bisschen neu finden und mit der Diagnose abfinden bzw. erst orientieren musste. Auch konnte er nicht wirklich demaskieren. Das brauchte Zeit und fällt ihm nicht immer so leicht. Maskieren zu können ist grundsätzlich ein sehr großes Privileig, dessen sind wir uns bewusst. Die Maske fallen zu lassen und einfach zu sein, wie man ist, ist auch in einer Partnerschaft nicht immer so einfach. Da haben wir einige Gespräche gebraucht, um ihm einerseits den Druck nehmen zu können, dass er auch bei mir maskieren muss (denn das muss er wirklich nicht) und auch ihm Wege zu geben, wie er denn bei mir entspannter sein und demaskieren kann. Auch die Meltdowns waren am Anfang gar nicht so leicht für mich zu verstehen.
Ganz zu Beginn konnte ich nur fachlich sehen, was denn gerade bei ihm los war, aber nie wirklich die emotionale Ebene zu ihm aufbauen konnte, was mir bzw. uns inzwischen besser gelingt.
Hattest du dann, nachdem dein Mann die Diagnose erhalten hat, auch irgendwie selbst das Gefühl, dass du selbst auch autistisch sein könntest oder hast du das gar nicht in Betracht gezogen?
Ich hatte tatsächlich während der Ausbildung immer mal wieder, wenn es um das Thema Autismus ging, den Eindruck, man würde einen Großteil von meiner Persönlichkeit beschreiben. Dieses Thema ließ mich auch nach der Unterrichtszeit nicht los und ich fing an zu recherchieren. Ich wollte aber nie wirklich eine Diagnostik machen, weil ich mir dachte, dass, selbst wenn ich autistisch wäre, dies an meiner Persönlichkeit nichts ändern würde.
Als ich dann meinen Mann immer besser kennenlernte und sich herausstellte, dass wir ziemlich ähnlich ticken, wurde mir klar, dass an meinen früheren Gedanken vielleicht doch ein bisschen was dran sein könnte.
Auch bemerkte mein Mann während meiner Schwangerschaft – ich habe Anfang Oktober unseren Sohn geboren – immer wieder Verhaltensweisen, die auf einen Meltdown hingewiesen haben.
Kleine Veränderungen im Alltag, war es eine Veränderung in der Struktur oder etwas anderes, brachten mich in Angstzustände oder zum Weinen.
Hattest du bereits vor deiner Diagnose in deinen Jahren als Jugendliche schon einmal durch Fachpersonal (z.B. Ärzt:innnen, Lehrer:innen, Therapeut:innen, …) den Verdacht auf Autismus zu hören bekommen?
Im Kindergarten galt ich als verhaltensauffällig. Ich war langsamer und sehr bestimmt und wollte nicht wirklich mit Gleichaltrigen spielen. Ich wollte nur mit älteren Kindern spielen.
Das fiel den Betreuern im Kindergarten auf und wurde auch mit meinen Eltern besprochen. Meine Eltern gingen dann zu einer Organisation, welche sich auf solche Beratungen spezialisiert hatte, um etwaige Verhaltensauffälligkeiten abzuklären.
Am Ende wurde ich dann tTeil einer anderen Kindergartengruppe, in welcher ich mich laut Erzählungen meiner Eltern deutlich wohler gefühlt habe und auch mehr sozialen Anschluss zu den anderen Kindern fand. Es wurden dann aber keine weiteren Maßnahmen oder Untersuchungen in Richtung Autismus vorgenommen, da man dachte, dass ich mit den Kindern aus der ersten Gruppe einfach nicht warm geworden bin.
Wie ist es dann zur endgültigen Entscheidung gekommen, dass bei dir vor kurzem auch eine Autismus-Diagnostik durchgeführt wurde?
Meine Psychiaterin wollte eine Diagnostik auf einen andere Verdachtsdiagnose durchführen, wo ich schon zu Beginn einhakte und gesagt habe, dass man dann auch differentialdiagnostisch ein Autismus-Screening machen müsste, da sich beide Diagnosen stark überschneiden und ich nicht wollte, dass etwas übersehen oder falsch diagnostiziert wird. Hätte die Psychiaterin dem nicht zugestimmt, hätte ich beide Diagnostikverfahren nicht erhalten und letztendlich hätte ich dann auch keine Autismus-Diagnose erhalten. Zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt.
Wie hast du die Diagnostik erlebt? Welche Gedanken oder Gefühle hattest du während dem Prozess?
Anfangs war ich sehr erleichtert. Dann am Abend kam ich ins Grübeln und bekam Panik. Ich dachte mir sofort, wie ich denn mit all meinen Diagnosen (Arthrose, Epilepsie und jetzt auch Autismus) einen gute Mutter für unseren Sohn sein kann, der Anfang Oktober auf die Welt kommen wird.
Als du die Diagnose in den Händen gehalten hast: Was waren deine Gedanken? Wie hast du dich gefühlt?
Meine Gefühle waren eine Mischung aus Freude und Angst, weil ich nicht wusste, ob die Symptomatiken gleich bleiben oder sich, wie bei meinem Mann, verschlimmern würden. Aber ich war auch erleichtert, weil sich nun meinen frühere Vermutung bestätigt hatte.
Wie geht es dir jetzt ungefähr drei Wochen nach der Diagnose? Haben sich Verhaltensweisen, die du in deiner Kinder- und Jugendzeit aufgezeigt hast, dadurch erklärt? Wenn ja: welche?
Da gibt’s einige. Ich war als Kind immer gern allein oder wenn dann nur mit älteren Kindern zusammen. Gleichaltrige oder gar jüngere Kinder waren mir zu anstrengend. Im Kindergarten gab es eine Situation, an die ich mich noch gut erinnere (die laut meinen Eltern aber öfter vorkam) Ich war dabei ein Legohaus zu bauen und wollte es so realistisch wie möglich bauen. Alleine und ohne Hilfe. Die Pädagogin beobachtete dies und meinte, ich solle mir doch von einem anderen Kind helfen lassen. Dabei wurde ich trotzig und wütend und immer wenn diese Pädagogin diesen Vorschlag machte, wurde ich „verhaltensauffällig“! Für ein Mädchen. Man kennt solche Verhaltensmuster ja eigentlich primär von Jungs. 😂
Ich war auch oft die stille Beobachterin. Ich war in der Schule immer gut bis auf Mathematik. Ich hatte früh Interessen an Medizin, Anatomie und Biologie und Geschichte über den Krieg sowie den Adel. Ich las früher extrem viel. Teilweise ein Buch an einem Nachmittag.
Einen extremen Gerechtigkeitssinn habe ich auch, was mir besonders auffällt, wenn im Gesundheitswesen unmoralische oder unethische Dinge ablaufen.
Bestehen manche dieser Verhaltensweisen bis heute, oder sind neue dazugekommen? Welche?
Das Lesen leider nicht mehr so intensiv. Aber Medizin wurde zu meinem Beruf. Ich wurde zwar keine Ärztin, dafür Pflegeassistentin und habe im Mai 2024 angefangen in der Klinik für die OP-Planung der Transplantationschirurgie tätig zu werden.
Welche Reize führen bei dir zu einer Reizüberflutung?
Baustellen, Verspätungen von Zügen/Bussen/Trams. Auch Spontanität, im Sinne von sich Zeit freihalten für andere Aktivitäten oder Menschen, fällt mir schwer.
Auch Lautstärke oder längere körperliche Belastung, ohne Ruhepausen, fällt mir auch schwer und belastet mich. Hitze stresst mich auch extrem .
Was hilft dir in Situationen, wo du reizüberflutet bist?
Mir hilft in Stresssituationen und Situationen der Reizüberflutung ein kühler und ruhiger Raum und einfach nix tun. Sobald sich mein Stresslevel reduziert hat, versuche ich zu verarbeiten, was ich gerade erlebt habe und wie ich in Zukunft besser vorgehen kann, um solche stressigen Situationen zu vermeiden.
Stimming, ein Verhalten zur Regulation in Stresssituationen oder von bestimmten Reizen (z.B. Stressbälle) betreiben eigentlich alle Menschen. Autistischen Menschen hilft es aber nochmal mehr, ihre Reize und Gefühle ein wenig zu regulieren. Welche Formen von Stimming betreibst du? Hast du bestimmte Fidget-Toys, die du sehr gerne verwendest?
Ich wippe gerne mit dem Oberkörper, wenn ich nichts dabei habe. Noise-Cancelling -Kopfhörer in der Öffentlichkeit sind auch absolut wichtig. Wenn ich die vergesse werde ich unruhig und muss mich wirklich stark auf meinem Körper fokussieren was die Unruhe manchmal noch verstärkt, da ich Geschehnisse die sich in meinem Körper abspielen ungefiltert wahrnehme, was dann auch schnell mal in Panik übergehen kann. Deswegen schaue ich, dass ich die Noise-Cancelling-Kopfhörer für unterwegs immer dabei habe.
Zu Hause oder in Umgebung von Menschen, die mich so akzeptieren wie ich bin, wippe ich dann einfach, wenn’s zu viel wird.
In der Öffentlichkeit mache ich es ganz unauffällig und Kreise einen Fuß rhythmisch – das beruhigt mich auch.
Immer wieder hört man “Autist:innen haben keine Gefühle und es fällt ihnen schwer, Freundschaften oder Beziehungen zu führen.” Was würdest du auf eine Aussage wie “Du bist ja viel zu sozial für eine Autistin, das kann doch gar nicht sein” reagieren?
Ich würde automatisch sagen, dass sich jede Behinderung anders zeigt. Das wäre ungefähr dasselbe, wie wenn ich zu einem Mann sagen würde, dass er zu klein für einen Mann wäre.
Mit so einer Aussage spricht man Menschen etwas ab, das sie betrifft. Wir sollten bei solchen Aussagen mehr Konter geben ☺ .
Hast du in deinem Umfeld bei deinem Mann oder anderen autistischen Freund:innen schon einmal erlebt, dass sie Benachteiligungen oder Diskriminierung im Schul-, Berufs-, und Freizeitleben erfahren haben aufgrund dessen, dass sie autistisch sind mitbekommen? Kannst du Beispiele nennen?
Ja, bei meinem Mann sehe ich das schon. Eher im freizeitlichen Kontext. Es wird wenig Rücksicht genommen. Es wird oft eine Anpassung an neurotypische Menschen erwartet, was für uns Autist:innen ja oft wirklich sehr schwer ist.
Ich selbst habe in der Schule oft gemerkt, dass ich für komisch und arrogant gehalten wurde. Im Nachhinein ist mir auch klar wieso. Ich habe nur ungern an Klassenreisen oder Unternehmungen nach der Schule mit Kolleg:innen teilgenommen. Nicht weil ich sie nicht mochte, sondern weil es mir einfach zu anstrengend war. Aber es kam so rüber, als hätte ich besseres zu tun.
Du erwartest bald dein zweites Kind. Babys und (Klein)Kinder können einen strukturierten Alltag ein wenig durcheinander bringen. Mit welchem Gedanken denkst du an die Zeit, wo es auch ein wenig stressiger, hektischer und chaotischer zugehen könnte? Welches Gefühl begleitet dich?
Gemischte Gefühle. Ich habe großen Respekt vor dieser neuen Rolle. Denn planbar ist mit Baby / Kind gar nichts mehr. Ich kann versuchen etwas zu planen, aber wie sehr wird sich wohl das Baby oder Kleinkind daran halten. Das stelle ich mir schon herausfordernd vor. Aber ich denke, wenn man weiß worauf man sich einlässt, bekommt man das alles hin. Ich freue mich auf diese Zeit.
Vielen Lehrer:innen im Schulbereich fehlt noch immer das Wissen über Autismus. Was würdest du Lehrer:innen mitgeben wollen, um das Schulleben generell inklusiver und für Autist:innen angenehmer gestalten zu können?
Bitte liebe Lehrer:innen, habt Nachsicht mit uns und drängt uns nicht in irgendwelche Rollen. Sprecht mit uns und nicht über uns.
Denn genau das Zuhören ist so wichtig, um zu verstehen, was wir individuell brauchen. Jede:r Autist:in ist anders. Deswegen kann man Nachteilsausgleiche oder andere notwendige Anpassungen im schulischen Bereich nicht pauschalisieren. Deswegen: Gespräch suchen, zuhören und GEMEINSAM mit der betroffenen Person Lösungen finden.
Das wäre für mich Inklusion.
Frauen werden noch immer deutlich später und manchmal auch seltener als männliche Personen diagnostiziert. Auch kommt es zu Fehldiagnosen und/oder eine längeren Leidensweg, weil dadurch die notwendige Unterstützung fehlt. Was braucht es, damit auch Autismus bei weiblichen Personen früher und besser diagnostiziert wird, um den möglicherweise vorhandenen Leidensdruck durch späte Diagnosen zu reduzieren?
Medizinisches Personal und Diagnostiker:innen, die dir glauben und dich ernst nehmen. Ich habe es selbst schon erlebt, dass in meine Auflistung an Diagnosen eine falsche Diagnose hineingeschrieben wurde. Als ich das sah, bestand ich eben darauf, aufgrund der Überschneidungen auf Autismus zu testen und siehe da: Es war doch Autismus!
Was muss die Gesellschaft über Autismus erfahren?
Autismus ist keine Störung, sondern einfach ein neurologisches Spektrum. Autistische Menschen sind nicht alle gleich, genauso wie auch nicht alle Rollstuhlfahrer:innen gleich sind. Autismus ist für die Gesellschaft aber vielleicht nicht immer so leicht zu verstehen, da es eine unsichtbare Behinderung ist. Auch sollte man Verständnis dafür zeigen, dass manche autistische Menschen Autismus als Behinderung sehen und manche andere nicht. Ob Autismus eine Behinderung ist oder nicht, sehen alle Autist:innen anders.
Ein Schlusssatz: Was möchtest du den Leser:innen von diesem Beitrag mitgeben?
Wenn ihr euch mal ungerecht behandelt fühlt, wehrt euch. Wenn ihr Probleme mit eurer Diagnose habt: Ihr seid nicht allein damit. Ich hatte selbst auch nach dem Erhalt der Diagnose gemischte Gefühle und das ist völlig normal.
Wenn du gesagt bekommst, du bist nicht normal: Neurotypische sind auch nicht normal.
Kein Mensch ist normal denn jeder ist auf seine Art und Weise besonders ☺
Hinweis: Wie bereits zu Beginn erwähnt, wurde das Gespräch im Sommer 2026 geführt. Zu diesem Zeitpunkt erwartete Ina noch ihr zweites Kind. Deswegen ist auch im Text die Frage enthalten, welches Gefühl sie begleitet ihr zweites Kind zu bekommen. Wir bitten darum euch nicht verwirren zu lassen. Vor wenigen Tagen hat sie ihr zweites Kind auf die Welt gebracht. Wir wünschen ihr für die aufregende und doch anstrengende Zeit alles Gute!
Titelbild: Hintergrund © Canva/Jason Reid; Ina Prohászka © Stefan Leitner



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