Offener Brief ESC

Im Rahmen unserer Arbeit beschäftigen wir uns auch damit, wie Veranstaltungen inklusiver gestaltet werden können. Eines der nächsten großen Events in Wien ist unter anderem der Song-Contest. Daher haben wir diese Veranstaltung als Anlass genommen, dem ORF einen offenen Brief zu schreiben und zu schildern wie der Song-Contest, basierend auf Erfahrungen einer autistischen Teilnehmerin, inklusiver gestaltet werden könnte. Es bestand niemals der Gedanke den Song-Contest politisch zu betrachten, sondern vielmehr hatten wir das Ziel den Song-Contest als erstes Beispiel zu nehmen wie Veranstaltungen für autistische Personen inklusiver gestaltet werden können. In Zukunft planen wir auch Ideen zur inklusiven Gestaltung von Events an weitere Veranstalter heranzutragen und so zu einer inklusiveren Welt beizutragen.

Offener Brief: Stellungnahme des Vereins im spektrum zur Inklusion von Menschen mit Autismus und anderen Behinderungen beim Eurovision-Song-Contest 2026 

Sehr geehrte Damen und Herren des Core-Teams zum Eurovision Song-Contest 2026

Der Eurovision Song Contest (im Folgenden: ESC) ist eine Veranstaltung, die für alle Menschen, die mitfeiern wollen, zugänglich sein sollte. Leider erleben Personen im Autismus-Spektrum sowie Menschen mit anderen Behinderungen häufig Barrieren bei der Zugänglichkeit zu solchen Veranstaltungen, die es teilweise sogar verunmöglichen, daran teilnehmen zu können. Daher haben wir als Verein im spektrum uns entschlossen, gemeinsam mit einer Mitfeiernden im Autismus-Spektrum, welche 2025 den ESC in Basel besucht hat, eine Stellungnahme mit Vorschlägen zur besseren Barrierefreiheit und Best-Practice-Beispielen zu verfassen, um auch Personen im Autismus-Spektrum eine gleichberechtigte, angenehme und schöne Teilnahme am ESC zu ermöglichen.

Autismus-Spektrum-Störungen

Beginnen möchten wir zunächst mit einer kurzen Erklärung über Autismus-Spektrum-Störungen. Grundsätzlich lassen sich diese im ICD-11 den neuromentalen Entwicklungsstörungen unterordnen und zeigen zwei diagnostisch relevante Merkmale. Diese sind:

  • persistierende Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation und wechselseitigen Interaktion
  • eine Reihe von eingeschränkten, sich wiederholenden und unflexiblen Verhaltensmustern, Interessen oder Aktivitäten

Die Symptome, also wie sich letztendlich die Autismus-Spektrum-Störungen äußern können, sowie deren Schweregrad sind aber je nach Person unterschiedlich und nicht einheitlich festzulegen. Ebenfalls haben Betroffene oft mit einer erhöhten Reizsensitivität zu leben, was bedeutet, dass Reize aller Art (z.B Geräusche/Lärm/Musik; Licht; Berührungen; Gerüche) intensiver wahrgenommen werden und es somit zu einer damit verbundenen Reizüberflutung kommen kann, was für Betroffene eine große Herausforderung darstellt. Im schlimmsten Fall kann es zu einem sogenannten Meltdown kommen, welcher eine vollständige Überlastung des autistischen Nervensystems darstellt und sich mit weinen, schreien oder repetitiven Bewegungen äussern kann.

Wie kann der ESC für alle zugänglich gemacht werden?

Es sei vorausgeschickt, dass wir uns in dieser Stellungnahme vorwiegend auf Personen im Autismus-Spektrum beziehen, da diese der Hauptfokus unserer Arbeit sind.

Im Folgenden werden wir die Erfahrungen der bereits oben genannten Autistin sowie Anregungen zur Verbesserung der Barrierefreiheit schildern. Dabei beziehen wir uns auf die Erfahrungen, welche die betroffene Autistin in Basel gemacht hat.

Anlaufstelle zur Barrierefreiheit 

Inklusion und Barrierefreiheit beginnen mit Information. Es braucht daher klare Ansprechpersonen, welche Auskünfte zur Barrierefreiheit an allen Veranstaltungsorten sowie der Konzerthalle geben können. Auch sollten Anfragen zu medizinischen Attesten, welche die Mitnahme von Hilfsmitteln und Medikamenten erlauben, kompetent beantwortet werden können. Barrierefreiheit heißt aber auch, dass Mitarbeitende für dem Umgang mit Personen im Autismus-Spektrum und anderen Behinderungen geschult sind.

Ruhe & Ruheraum

Im Euro-Village in Basel gab es einen Ruheraum, welcher aber nicht gut genug ausgeschildert und eingerichtet war. Wir wünschen uns, dass es auch im Euro-Village in Wien einen Ruheraum gibt, welcher in puncto Ausschilderung und Komfort unsere Ansprüche erfüllt. Betroffenen Personen muss bewusst sein, dass es diesen Raum gibt und wo er sich befindet. Ein Ruheraum am Veranstaltungsort, der Stadthalle, ist auch nötig, um dem Trubel rund ums Konzert entkommen zu können, wenn es notwendig ist, um so beispielsweise die oben genannten Meltdowns zu verhindern.

Taschenverbot

Grundsätzlich darf man beim ESC keine Taschen mit hineinnehmen, wie es auch bei vielen anderen Großveranstaltungen der Fall ist. Für obige Betroffene wäre es aber ohne Tasche nicht möglich gewesen teilzunehmen, da sie unter anderem Notfallmedikamente, Kopfhörer für die Reizabschirmung, Skills und Stimming-Toys mitnehmen musste, um gut durch den Abend zu kommen bzw. die Medikamente bei Bedarf einnehmen zu können. Klare Informationen, wie in einem solchen Fall vorzugehen ist, waren leider nicht vorhanden. Sie hat sich selbst an den Organisator gewandt und dieser teilte ihr mit, dass ein Arztzeugnis notwendig sei, um eine Tasche mit den laut Arztbrief notwendigen Hilfsmitteln und/oder Medikamenten hineinnehmen zu dürfen. Dieses Arztzeugnis musste sie bei jeder Ticketkontrolle und jedem Kontrollorgan vorweisen, wobei gleichzeitig auch nicht alle Kontrollorgane über die Möglichkeit des Vorhandenseins eines Arztzeugnisses bzw. Bewilligung Bescheid wussten. So brauchte es immer wieder Erklärungen, was in einer für autistische Personen sowieso schon stressigen Situation alles zusätzlich erschwert. Für solche Fälle braucht es einen Leitfaden, welche Schritte man vornehmen und welche Dokumente (zB. Arztbrief) man vorweisen muss, um eine Tasche mit den Hilfsmitteln und/oder Medikamenten in die Konzerthalle hineinnehmen zu dürfen. Hilfreich wäre es, wenn man das vorher an die Anlaufstelle für Barrierefreiheit eingesandte ärztliche Attest, welches die Notwendigkeit zur Mitnahme von Hilfsmitteln und/oder Medikamenten in einer Tasche bescheinigt, mit dem eigentlichen Ticket verknüpft, sodass Kontrollorgane dies beim Ticketscan bzw. Einlass leichter nachvollziehen können. Über diese Ausnahmeregelungen für betroffene Personen (zB. Personen im AS) sollten Kontrollorgane Bescheid wissen und dementsprechend geschult sein.

Fotostory

Visualisierungen, beispielsweise in Form einer Fotostory, geben Sicherheit und Planbarkeit. Betroffenen hilft es enorm, wenn sie sich vorher mit der Umgebung und der bzw. den Veranstaltungslocations vertraut machen können. Das umfasst beispielsweise eine visuelle Beschreibung wie man von der nächstgelegenen ÖPNV-Station zur Stadthalle kommt, wie es in der Stadthalle aussieht, wie andere Veranstaltungsorte (zB. Euro-Village) aussehen und welche Räume wo zu finden sind (zB. Raumplan der Stadthalle). Als Beispiel für den visuellen „Routenplan“ von der nächsten Öffi-Station zur Stadthalle sowie der Fotostory der Stadthalle möchten wir ein Beispiel von Autismus-Schweiz bringen, welche im Herbst 2025 einen Kongress in Interlaken veranstaltet und eine Fotostory zur Verfügung gestellt haben.

Bildquelle 1: Screenshot/https://organizers-congress.org/custom/media/AUT25/AUT25_Fotostory_DE_v2.pdf

Autismus-Badge

Als Symbol für unsichtbare Behinderungen gibt es das Sunflower-Lanyard – der ORF berichtete bereits über dieses. Dieses kann allerdings von allen Personen erlangt und getragen werden, welche eine unsichtbare Behinderung vorweisen. Es ist grundsätzlich zu begrüßen, dass die Mitarbeitenden des ESCs über dieses bei allen Veranstaltungslocations Bescheid wissen und dementsprechend sensibler und ruhiger mit Träger:innen umgehen. Es wäre für viele Wiener:innen und Besucher:innen eine Bereicherung in dieser Zeit, wenn man im Rahmen des ESC das Sunflower-Lanyard an den Veranstaltungsorten erhalten könnte, wie es derzeit schon am Wiener Flughafen möglich ist. In Österreich erhält man unseres Wissens nach das Sunflower-Lanyard nur am Wiener Flughafen und sonst bei keinen anderen Stellen. Eine Einrichtung einer oder mehrerer Sunflower-Lanyard „Stationen“, wo man dieses im Rahmen des ESC erhalten kann, wäre daher, wie oben bereits angesprochen, eine große Bereicherung. Als Zusatz wäre ein Vorschlag von uns, dass es im Rahmen des ESC noch eigene einheitliche Badges (z.B Anstecker oder separate Lanyards) geben würde, welche man als autistische Person tragen könnte, um nochmal explizit darauf hinzuweisen, dass man autistisch ist und möglicherweise bei bestimmten Situationen (zB. Sicherheitskontrollen) schneller überfordert sein kann.

Informationen in einfacher Sprache

Nicht alle Personen, egal ob mit oder ohne Behinderung, sind der deutschen Sprache ausreichend mächtig, um Informationen in langen und stark verschachtelten Sätzen verstehen und verarbeiten zu können. Daher wäre es eine große Unterstützung, wenn zumindest essenzielle Informationen auch in einfacher oder im besten Fall sogar leichter Sprache verfügbar wären. Dies sollte bereits im Vorfeld erfolgen.

Bildquelle 3: Screenshots/https://www.andererseits.org/was-ist-einfache-und-leichte-sprache/

Eigener Eingang für Menschen mit Behinderung

Im obigen Text wurde bereits mehrmals angesprochen, dass Personen im Autismus-Spektrum schneller gestresst sein können. Bei manchen Veranstaltungen ist es möglich einen separaten Eingang für Menschen mit Behinderung bereitzustellen. Auch Autismus zählt zu (unsichtbaren) Behinderungen. Ein Wunsch unsererseits und sicher vieler anderer Menschen mit sichtbarer oder unsichtbarer Behinderung wäre es daher einen eigenen Eingang für Menschen mit Behinderung bei der Stadthalle zur Verfügung zu stellen.

Sie sehen, dass wir verschiedene Gedanken haben, was alles zu einem barrierefreien und inklusiven Erlebnis des ESCs beiträgt. Wir begrüssen es, wenn Sie sich bemühen, diese zu prüfen und bestmöglich Umsetzungen zu planen und umzusetzen.

Vielen herzlichen Dank für Ihre Wertschätzung und Zeit, sich diesem Thema zu widmen. So ermöglichen Sie autistischen Menschen den Zugang zum ESC in Wien. Sehr gerne stehen wir für Gespräche und weiterführende Fragen zur Verfügung.

 

Mit freundlichen Grüßen

Verein im spektrum/Felix Zych

geschrieben von Felix Z.

Felix Z. ist eine wichtige Instanz für Planung, Organisation und Umsetzung unserer Projekte. Er berichtet gerne über die gemeinsame Arbeit an Angeboten, mit denen wir die breite Öffentlichkeit für wichtige Themen sensibilisieren wollen. Außerdem ist Felix Z. als Autor Teil unseres Social Media-Teams, wo er neben Texten auch an der Gestaltung von Designs beteiligt ist und immer wieder frische Ideen sowie umfangreiches Know-how einbringt.

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