Persönliche Erfahrungen machen sichtbar, was theoretische Konzepte oft verschleiern: Inklusion scheitert nicht an mangelndem Wissen, sondern an fehlender Umsetzung im Alltag. Berichte wie der folgende zeigen, wie tief verwurzelte Strukturen und Routinen die Bedürfnisse neurodivergenter Menschen übersehen – selbst dort, wo Verständnis und Unterstützung eigentlich selbstverständlich sein sollten.
Wie Inklusion in einer psychiatrischen Einrichtung NICHT funktioniert: Erlebnis eines Autisten mit akutem Autistic Burnout
Ich befinde mich derzeit zur Rehabilitation in einer psychiatrischen Einrichtung. Drei Tage vor meiner Anreise erhielt ich einen Anruf, dass mein Termin bestätigt sei und ich in einem Doppelzimmer untergebracht werde. Ich erklärte, dass für mich als autistische Person bereits die Anreise eine große Herausforderung darstellt – und dass ein gemeinsames Zimmer mit einer fremden Person für mich nicht möglich ist. Ich brauche einen geschützten Rückzugsort, um Reize und soziale Eindrücke verarbeiten zu können. Die Antwort lautete sinngemäß: „Sie werden das schon aushalten.“
Trotz meiner Bedenken trat ich die Reise mit gemischten Gefühlen an. Bei meiner Ankunft sprach ich das Thema an der Rezeption erneut an. Die Reaktion war kurz: „Jeder will ein Einzelzimmer.“ Ich erhielt tatsächlich ein Doppelzimmer, war jedoch zunächst erleichtert, dass es vorerst nicht belegt war und ich somit allein bleiben konnte.
Am nächsten Morgen, nach einer intensiven und belastenden Therapiesitzung, nahm ich all meinen Mut zusammen und sprach das Thema ein drittes Mal an. Ich erklärte erneut, dass ich Autist bin (was übrigens bereits auf meiner Zuweisung vermerkt war) und dass ich einen Rückzugsraum brauche, um mich vom Stress der Umgebung zu erholen. Da die vielen sozialen Kontakte während des Tages bereits sehr fordernd sind, ist dieser Raum keine Bequemlichkeit, sondern eine notwendige Form der Selbstregulation. Doch erneut stieß ich auf kein Verständnis. Man teilte mir mit, dass ich derzeit allein sei, sich das aber jederzeit ändern könne. Zudem hieß es, alle Patient:innen seien zu Beginn in Doppelzimmern untergebracht – eine Aussage, die sich später als falsch herausstellte.
Diese anhaltende Unsicherheit löste in mir eine starke Belastung aus. Schließlich kam es zu einer Panikattacke mit Weinkrämpfen und einem bedenklich hohen Blutdruck, der medikamentös behandelt wurde. Ich hatte das Gefühl, dass meine Bedürfnisse nicht ernst genommen wurden – als würde mein autistisches Erleben schlicht nicht zählen. Mit der Zeit entwickelte sich eine ständige Angst, die Zimmertür zu öffnen, aus Sorge, dort könnte plötzlich jemand Neues stehen, mit dem ich das Zimmer teilen müsste.
Mein Psychiater riet mir schließlich, die Reha abzubrechen, da sie eher zur Verschlechterung meines Zustands beitrug als zur Besserung. Trotz allem wollte ich nicht aufgeben. Bestärkt durch den Austausch mit Vereinskolleg:innen verfasste ich mit großem Aufwand eine E-Mail an die Klinik, in der ich auf die UN-Behindertenrechtskonvention und das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz hinwies. Ich forderte am nächsten Tag auch ein Gespräch mit der Klinikleitung und erklärte, dass ich die Reha andernfalls abbrechen müsse. Die Antwort: „Zu 90 % können wir garantieren, dass Sie keine weitere Person im Zimmer bekommen.“ Diese vermeintliche Zusicherung ließ jedoch 10 % Unsicherheit – und damit anhaltende Angst – zurück.
Als ich am nächsten Tag erneut das Gespräch suchte, fühlte ich mich wie ein Bittsteller. Ich hatte das Gefühl, die Geduld der Mitarbeitenden zu strapazieren. Erst nach mehreren Tagen wurde mir ein Einzelzimmer für die Folgewoche zugesagt – das ich schließlich auch erhielt. Die Erleichterung war groß, doch die zwei !!! Wochen der Unsicherheit hatte Spuren hinterlassen.
Was diese Erfahrung zeigt
Wenn selbst eine Einrichtung zur psychischen Rehabilitation nicht in der Lage ist, auf die Bedürfnisse autistischer Menschen angemessen zu reagieren, stellt sich die Frage: “Wie ernst nimmt unsere Gesellschaft das Recht auf Inklusion tatsächlich?”
Ich bin dankbar, dass ich den Mut gefunden habe, für meine Rechte einzustehen. Doch es bleibt ein bitterer Beigeschmack: Warum ist es überhaupt nötig, so sehr dafür kämpfen zu müssen? Und was passiert mit denjenigen, die diese Kraft nicht mehr haben?
Echte Inklusion bedeutet mehr, als Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zu akzeptieren – sie bedeutet, diese Bedürfnisse aktiv zu berücksichtigen. Das beginnt bei scheinbar kleinen Dingen wie einem ruhigen Rückzugsraum – und endet bei der grundlegenden Haltung, dass alle Menschen das Recht haben, sich sicher und verstanden zu fühlen.



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